{"id":2822,"date":"2021-02-19T22:14:00","date_gmt":"2021-02-19T21:14:00","guid":{"rendered":"https:\/\/secret-cow-level.de\/wordpress\/?p=2822"},"modified":"2026-03-11T23:38:52","modified_gmt":"2026-03-11T22:38:52","slug":"oer-strategie-meine-antwort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/secret-cow-level.de\/wordpress\/2021\/02\/oer-strategie-meine-antwort\/","title":{"rendered":"OER-Strategie: meine Antwort"},"content":{"rendered":"<p>Der Koalitionsvertrag hatte eine umfassende OER-Strategie versprochen. Nun n\u00e4hert sich die aktuelle Legislaturperiode dem Ende und es wird Zeit, dass sie kommt. Die Zeichen daf\u00fcr stehen gut, denn aktuell werden Stellungnahmen vom BMBF eingeholt, f\u00fcr die auch ich angefragt wurde. Ich m\u00f6chte meine Antwort hier ver\u00f6ffentlichen. <a href=\"https:\/\/buendnis-freie-bildung.de\/2021\/02\/19\/oer-strategie-unsere-antworten-auf-die-fragen-des-bmbf\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Das B\u00fcndnis Freie Bildung hat das ebenfalls getan<\/a> und ich rechne auch mit weiteren Einsichten in die Ansichten der Stellungnehmenden.<\/p>\n<p>Es folgt ein relative langer Text ohne gro\u00dfe Aufh\u00fcbschungen. Es gab einige Thesen und Fragen im Vorfeld, an denen die Struktur angelehnt ist. Ich habe ihn bereits an das BMBF versendet. Wer mir spezifisches Feedback geben m\u00f6chte, kann das auch <a href=\"https:\/\/docs.google.com\/document\/d\/102_gD994wbmnMqeb5Dc5-d8N_QEYjHH3hMZfnRLVnBU\/edit?usp=sharing\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">in dem kommentierbaren GDoc<\/a> tun. Olli und ich haben uns dazu auch <a href=\"https:\/\/bldg-alt-entf.de\/2021\/02\/19\/bldgaltentf-e035-wir-wissen-was-du-letzten-sommer-gehoert-hast\/?t=1%3A42%3A29%2C1%3A55%3A06\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">in der aktuellen Episode 35<\/a> unterhalten.<\/p>\n<div style=\"background-color: #c1e1f4; padding: 10px; margin-bottom: 2em;\">\n<h2 style=\"text-align: center;\">Meine Kernpositionen<\/h2>\n<ul>\n<li>OER sind keine besonders progressive oder nerdige Erscheinungsform bei Lernmaterialien, sondern die Konsequenz aus rechtlichen Nutzungshemmnissen, die dem Einsatz in zeitgem\u00e4\u00dfen Bildungsformaten entgegenstehen.<\/li>\n<li>Das BMBF sollte die freie Lizenzierung von Bildungsmaterialien, die aus \u00f6ffentlichen Mitteln finanziert werden, zur Bedingung machen und damit zum Standard erkl\u00e4ren. Die Reduktion auf CC0 und CC BY verringert die Komplexit\u00e4t.<\/li>\n<li>Das BMBF sollte die Aus- und Weiterbildung von didaktischen Kompetenzen f\u00f6rdern, die f\u00fcr den gestalterischen Umgang mit Materialien in offenen Lernszenarien n\u00f6tig sind.<\/li>\n<li>Das BMBF sollte Ma\u00dfnahmen zur Sicherung der Barrierefreiheit sowie zur Qualit\u00e4tssicherung von Bildungsmaterialien fordern und f\u00f6rdern. Potentiale zur kontinuierlichen Verbesserung und Differenzierung sind zu ber\u00fccksichtigen.<\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<h2>Meine Stellungnahme<\/h2>\n<p>Als Grundlage f\u00fcr eine OER-Strategie des Bundes erscheint mir zun\u00e4chst eine grunds\u00e4tzliche Auseinandersetzung damit n\u00f6tig, welche Rolle Bildungsmaterialien in einer digitalisierten Gesellschaft spielen. Aus dieser lassen sich Schl\u00fcsse ziehen, welche Eigenschaften und Prozesse f\u00fcr Bildungsmaterialien wichtig sind (s. Ausf\u00fchrungen unter Abschnitt 1).<\/p>\n<p>Die aktuellen Urheberrechtsschranken f\u00fcr Bildung und Unterricht reichen f\u00fcr diese Anforderungen nicht aus, einzelne Nutzungsvertr\u00e4ge werden zu komplex und wenig alltagstauglich, vor allem, wenn zuk\u00fcnftig neue Nutzungsarten und Technologien hinzukommen (wie wir es aktuell bei webbasierten Nutzungen oder der algorithmischen Verarbeitung erleben). OER sind damit keine besonders progressive oder nerdige Erscheinungsform bei Lernmaterialien, sondern die Konsequenz aus Nutzungshemmnissen, die durch die aktuelle Ausgestaltung des Urheberrechts entstehen, und <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/webarchiv\/presse\/hib\/2020_11\/808702-808702\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">nach aktuellem Stand zur Umsetzung der EU-Urheberrechtsrichtlinie 2019\/790<\/a> sehr wahrscheinlich nicht behoben werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Reflexion der gegebenen Thesen im Bereich Mensch und der gestellten Leitfragen habe ich mich zudem mit der Rolle der OER-Strategie im f\u00f6deralen Bildungssystem auseinandergesetzt (s. Abschnitt 2).<\/p>\n<p>Auf dieser Grundlage werden ausgehend von den Thesen und Leitfragen in Abschnitt 3 die Themenbereiche Zugang, Didaktik, Inklusion, Lizenzierung und Qualit\u00e4tssicherung diskutiert. Die formulierten Kernpositionen st\u00fctzen sich auf diese Argumentation.<\/p>\n<h3>1. Zielsetzung: Bildungsmaterialien in einer digitalisierten Gesellschaft<\/h3>\n<p>Bildungsmaterialien in einer digitalisierten Gesellschaft d\u00fcrfen keine statischen Produkte (mehr) sein. Durch digitale oder digital gest\u00fctzte Produktions-, Bearbeitungs- und Unterrichtsprozesse werden neue Anforderungen deutlich. Sie sollten im Idealfall:<\/p>\n<ul>\n<li>zeitgem\u00e4\u00dfe Bildung, Kommunikation, Kollaboration, Kreativit\u00e4t und kritisches Denken (4K<sup>1<\/sup>), unterst\u00fctzen,<\/li>\n<li>unabh\u00e4ngig von individuellen Gegebenheiten der Lernenden und Lehrenden (insb. sozialer Status, geistige oder k\u00f6rperliche Beeintr\u00e4chtigungen) zug\u00e4nglich sein,<\/li>\n<li>in einer heterogenen Infrastruktur bzgl. Hard- und Software nutzbar sein und<\/li>\n<li>keine Abstriche bei der Qualit\u00e4tssicherung und dem Aktualisierungsgrad machen m\u00fcssen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Um diesen Anspr\u00fcchen zu gen\u00fcgen, m\u00fcssen Bildungsmaterialien in Zukunft die rechtlichen und technischen Voraussetzungen mitbringen um:<\/p>\n<ul>\n<li>sie allein oder gemeinsam mit mehreren Personen aktiv zu be- und verarbeiten,<\/li>\n<li>sie an individuelle Gegebenheiten oder Beeintr\u00e4chtigungen bestm\u00f6glich anzupassen,<\/li>\n<li>sie ohne die Beschr\u00e4nkung auf ein bestimmtes technisches Endger\u00e4t, eine festgelegte Software-L\u00f6sung oder Lernplattform einzusetzen und<\/li>\n<li>Fehler, Darstellungsprobleme, sowie veraltete Informationsst\u00e4nde zu verbessern oder zu beheben.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Weiterhin d\u00fcrfen \u00f6konomische Kriterien nicht au\u00dfer Acht gelassen werden. Hier k\u00f6nnen digital verf\u00fcgbare Bildungsmaterialien einen enormen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit leisten, da nahezu keine variablen Kosten bei h\u00f6heren Nutzungszahlen anfallen. Dieser Vorteil muss genutzt werden, um den Zugriff auf Bildungsmaterialien, deren Fixkosten (Produktion, Wartung, Aktualisierung etc.) aus \u00f6ffentlichen Mitteln finanziert wurden<sup>2<\/sup>, f\u00fcr alle kostenfrei zu erm\u00f6glichen. Nur so k\u00f6nnen die Bildungschancen zunehmend vom sozialen Status entkoppelt werden.<\/p>\n<p>Aus diesen Anspr\u00fcchen und den daraus abgeleiteten Voraussetzungen ziehe ich folgende Schl\u00fcsse:<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Be- und Verarbeitung<\/strong> muss hinsichtlich der folgenden Kontexte rechtlich und technisch m\u00f6glich sein:\n<ul>\n<li>im Rahmen und als Teil von Bildungsprozessen,<\/li>\n<li>zur Anpassung an individuelle Vorlieben (bspw. Schriftbild oder Darstellung im Vollbild),<\/li>\n<li>zum Ausgleich oder zur Abmilderung individueller Beeintr\u00e4chtigungen (bspw. Untertitelung) und<\/li>\n<li>zur inhaltlichen, didaktischen und technischen Aktualisierung.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li>Die <strong>Verwaltung<\/strong> von Bildungsmaterialien muss f\u00fcr folgende Anspruchsgruppen m\u00f6glich und alltagstauglich sein:\n<ul>\n<li>Lernende (bspw. zur Dokumentation der eigenen Lernprozesse),<\/li>\n<li>Lehrende (bspw. zur Planung von Lehrveranstaltungen),<\/li>\n<li>Bildungsinstitutionen (bspw. zur Bereitstellung erprobter Materialien aus den Vorjahren),<\/li>\n<li>Verantwortliche Beh\u00f6rden in den L\u00e4ndern (bspw. zur Bereitstellung qualit\u00e4tsgesicherter und auf den Lehrplan abgestimmter Materialien),<\/li>\n<li>\u00dcbergreifende Zusammenschl\u00fcssen (bspw. zu Schwerpunktthemen wie aktuell der KI-Campus) und<\/li>\n<li>Akteurinnen und Akteure, die eigene Materialien bereitstellen (bspw. Lehrkr\u00e4fte, Verlage, Museen, Forschungseinrichtungen).<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li>Zur <strong>pragmatischen und alltagstauglichen Arbeit<\/strong> mit der enormen Vielzahl und Vielfalt an Bildungsmaterialien sind Prozesse und Infrastrukturen f\u00fcr folgende <strong>weitere Aufgaben<\/strong> n\u00f6tig:\n<ul>\n<li>Kuratierung von Bildungsmaterialien f\u00fcr spezifische, insb. formale Bildungsbereiche,<\/li>\n<li>Qualit\u00e4tssicherung und -bewertung von Bildungsmaterialien, die in kuratierten Sammlungen vorgeschlagen werden, und<\/li>\n<li>Auffindbarkeit und Filterung von Bildungsmaterialien passend zu den jeweiligen Einsatzzwecken.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Bereitstellung und der Einsatz von Bildungsmaterialien unter diesen Gesichtspunkten sind unter klassischen geschlossenen Nutzungslizenzen nicht abbildbar. Die Bildungs- und Wissenschaftsschranken im Urheberrecht sind nicht ausreichend, individuelle Rechteeinr\u00e4umung und damit verbundene Aushandlung von Vertr\u00e4gen zur weiteren Nutzung zu komplex und wenig alltagstauglich.<\/p>\n<p>Open Educational Resources (OER) sind dagegen eine L\u00f6sung zur rechtssicheren und zeitgem\u00e4\u00dfen Arbeit mit Bildungsmaterialien. Sie erweitern die M\u00f6glichkeiten zur Produktion und Nutzung und k\u00f6nnen dennoch auf etablierten Strukturen aufsetzen<sup>3<\/sup>. Dabei stehen sie marktwirtschaftlichen \u00dcberlegungen nicht im Weg: Auch bei OER m\u00fcssen Leistungen wie die Erstellung, Qualit\u00e4tssicherung, Wartung etc. finanziert werden. Verlage und Agenturen haben hier durch ihre langj\u00e4hrige Erfahrung durchaus Vorteile, aber es entstehen auch Chancen zum Markteintritt f\u00fcr neue Stakeholder, Produkte und Dienstleistungen. Gerade durch offene Lizenzen, aber auch durch offene Formate k\u00f6nnen Teilleistungen unabh\u00e4ngig zugunsten des besten Angebots vergeben und so ein Lock-In-Effekt vermieden werden.<\/p>\n<h3>2. Rolle der OER-Strategie des Bundes<\/h3>\n<p>Ich halte die OER-Strategie des Bundes mit Blick auf die in Abschnitt 1 beschriebenen Anforderungen f\u00fcr einen wichtigen und konsequenten Schritt. Sie folgt auf zwei gr\u00f6\u00dfere vorausgegangene F\u00f6rderprogramme:<\/p>\n<ul>\n<li>2015 wurden mit Mapping OER und die Machbarkeitsstudie zu OER erste umfassende Analysen des Themenfelds und Entwicklungsstands durchgef\u00fchrt,<\/li>\n<li>2016\u20132018 wurden \u00fcber die OERinfo-F\u00f6rderlinie Angebote f\u00fcr Multiplikatorinnen und Multiplikatoren geschaffen und das Thema weiteren Personen zug\u00e4nglich gemacht.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Auf Ebene vieler Bundesl\u00e4nder wurde das Thema OER ebenfalls im Zuge ihrer Digitalisierungsstrategien bearbeitet. Sichtbar wird das insb. in der F\u00f6rderung dedizierter OER-Plattformen und -Repositorien, wie bspw. <a href=\"https:\/\/www.oerbw.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ZOERR<\/a> in Baden-W\u00fcrttemberg, <a href=\"https:\/\/www.land.nrw\/pressemitteilung\/fuenf-millionen-euro-fuer-digitale-lehr-und-lernformate-oercontentnrw-geht-die\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">OERContent.nrw<\/a> in Nordrhein-Westfahlen oder die <a href=\"https:\/\/www.hoou.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hamburg Open Online University<\/a> in Hamburg. Es zeigt sich aber auch zunehmend, dass von den L\u00e4ndern gef\u00f6rderte Projekte, die nicht speziell das Thema OER adressieren, mit Materialien unter freier Lizenz arbeiten, bspw. <a href=\"https:\/\/futureskills-sh.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Future Skills<\/a> in Schleswig-Holstein oder die digitalen Sammlungen der Landesbibliotheken in Sachsen oder Niedersachsen (bspw. <a href=\"https:\/\/digital.slub-dresden.de\/kollektionen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/digital.slub-dresden.de\/kollektionen\/<\/a>).<\/p>\n<p>Kurzum: Es tut sich was und aus meinen Beobachtungen zu einigen personellen \u00dcberschneidungen stelle ich die These auf, dass neben den Bottom-Up-Bem\u00fchungen aus der OER-Community die Bundesf\u00f6rderungen seit 2015 einen wesentlichen Beitrag zu den jeweiligen Landesprojekten geleistet hat. In dieser Rolle sehe ich auch die OER-Strategie des Bundes.<\/p>\n<p>Mit der f\u00f6deralen Struktur und Aufgabenteilung im deutschen Bildungssystem obliegen viele Entscheidungen zu konkreten Materialien und Infrastrukturen den jeweiligen Landesministerien. Insofern ist mir der begrenzte Handlungskorridor des Bundes bewusst. Die Strategie kann daher nur Leitlinien und -konzepte vorgeben sowie deren Notwendigkeit begr\u00fcnden. Hier\u00fcber erhalten die jeweiligen Landesministerien die n\u00f6tige Grundlage, um politische L\u00f6sungen und F\u00f6rderinstrumente auf L\u00e4nderebene zu entwickeln, die neben der \u201eblo\u00dfen Etablierung\u201c von OER auch die Synergien der L\u00e4nder untereinander nachhaltig nutzen lassen. Weiterhin wird es dem Bund m\u00f6glich sein, den l\u00e4nder- und institutions\u00fcbergreifenden Austausch zum Thema OER zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Ich habe versucht, meine Positionen auf dieser Grundlage zu formulieren und dem BMBF keine Vorschl\u00e4ge zu unterbreiten, die nicht oder nur stark eingeschr\u00e4nkt in dessen Kompetenzbereich liegen, was nicht bedeutet, dass sich hier nicht mehr erreichen lie\u00dfe, wenn insbesondere die Kultusministerkonferenz an Synergien interessiert ist. Ein Vorbild f\u00fcr eine solche l\u00e4nder\u00fcbergreifende Kooperation nehme ich bspw. bei der Umsetzung von Angeboten auf der Grundlage des Onlinezugangsgesetzes (OZG) wahr.<\/p>\n<h3>3. Konsequenzen f\u00fcr Einzelthemen der OER-Strategie im Themenbereich \u201eMensch\u201c<\/h3>\n<h4>Zugang<\/h4>\n<p>Zugangsbarrieren f\u00fcr Bildungsmaterialien entstehen oft bereits bei generellen Zugriffsm\u00f6glichkeiten. OER sind hier das \u00fcberlegene Konzept, denn die Erlaubnis zur kostenfreien Verbreitung birgt das Potential, auch Menschen au\u00dferhalb der jeweiligen Bildungseinrichtungen und -kontexte Zugang zu den Materialien zu erm\u00f6glichen. Nach dem Prinzip \u201e\u00d6ffentliches Geld \u2013 \u00f6ffentliches Gut!\u201c sollten Bildungsmaterialien, die aus \u00f6ffentlichen Mitteln finanziert wurden, unter einer freien Lizenz stehen. Neben dem damit verbundenen Potential zur St\u00e4rkung der Bildungsgerechtigkeit bieten sich so aber auch neue M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Entwicklung und den Vertrieb von Produkten und Dienstleistungen von gewinnorientierten Unternehmen.<\/p>\n<p>Differenzierte Anspr\u00fcche k\u00f6nnen aufgrund der Erlaubnis zur Bearbeitung von OER ber\u00fccksichtigt und umgesetzt werden. So kann bspw. die (An-)Sprache oder auch eine regionale Verankerung der Bildungsmaterialien auf die jeweilige Zielgruppe individuell zugeschnitten werden.<\/p>\n<div style=\"background-color: #c1e1f4; padding: 10px; margin-bottom: 2em;\">Das BMBF sollte in der OER-Strategie die <strong>freie Lizenzierung<\/strong> von Bildungsmaterialien, die aus \u00f6ffentlichen Mitteln finanziert werden, <strong>zur Bedingung<\/strong> machen und somit zum Standard erkl\u00e4ren. Dabei sollten der offene Zugang und die M\u00f6glichkeit zur einfachen Weiterverwendung der Bildungsmaterialien auch <strong>von der jeweiligen Infrastruktur unterst\u00fctzt<\/strong> werden. Schon allein aus der f\u00f6deralen Struktur und den unterschiedlichen Zust\u00e4ndigkeiten f\u00fcr Bildungsinfrastrukturen ergibt sich hier die Notwendigkeit f\u00fcr <strong>dezentrale vernetzte Ans\u00e4tze<\/strong>, die formale Bildungseinrichtungen ebenso wie Museen oder NGOs einbinden. Zur nachhaltigen Pflege und Wartung sollte hierbei auf <strong>Open-Source-Software<\/strong> gesetzt werden.<\/div>\n<h4>Didaktische Verbesserung von Bildungsprozessen<\/h4>\n<p>Hier m\u00f6chte ich auf Abschnitt 1 verweisen: OER sind eine lizenzrechtliche Antwort auf die Anforderungen von zeitgem\u00e4\u00dfen Bildungsprozessen. Diese erfordern eine aktive Auseinandersetzung mit den Inhalten und die kreative sowie kollaborative Bearbeitung von Materialien. Daneben erm\u00f6glichen freie Lizenzen die Nutzung \u00fcber die Grenzen traditioneller Bildungsszenarien hinaus, weil sie unabh\u00e4ngig von Urheberrechtsschranken f\u00fcr Bildungskontexte g\u00fcltig sind. In offenen Bildungspraktiken (OEP) k\u00f6nnen Projekte etabliert werden, die \u00fcber Bildungsbereiche, Alters- und regionale Grenzen hinausgehen.<\/p>\n<p>Als regelm\u00e4\u00dfige \u201eTeilgeberin\u201c von Bildungs-BarCamps, und insb. auch als Vorstandsvorsitzende des EduCamp e.V., sehe ich den dort m\u00f6glichen Austausch zu zeitgem\u00e4\u00dfen Bildungsthemen in keinem anderen Weiterbildungsformat realisierbar. Hier kommen Menschen aus unterschiedlichen Bildungsbereichen mit unterschiedlicher Expertise auf Augenh\u00f6he zusammen, um bedarfsorientiert ein Programm zu gestalten, in dem thematische Einf\u00fchrungen f\u00fcr Neulinge ebenso m\u00f6glich und willkommen sind, wie hochspezifische Diskussionen von Expertinnen und Experten mit jahrelangem Vorwissen. Bei den OERcamps wurden zudem weitere Formate wie Workshops, Werkst\u00e4tten und Webinare erprobt, die ein vielf\u00e4ltiges Repertoire f\u00fcr den Austausch (nicht nur) um freie Bildungsmaterialien boten.<\/p>\n<div style=\"background-color: #c1e1f4; padding: 10px; margin-bottom: 2em;\">Das BMBF sollte die <strong>Aus- und Weiterbildung von didaktischen Kompetenzen<\/strong> f\u00f6rdern, die f\u00fcr den <strong>gestalterischen Umgang<\/strong> mit Materialien <strong>in offenen Lernszenarien<\/strong> n\u00f6tig sind. Neben der Verankerung in den Aus- und Weiterbildungsprogrammen f\u00fcr Lehrende an formalen Bildungsinstitutionen sind auch <strong>bildungsbereichs\u00fcbergreifende Qualifizierungen<\/strong> und regelm\u00e4\u00dfige <strong>Austauschm\u00f6glichkeiten<\/strong> n\u00f6tig und wertvoll. Mit den OERcamps wurde eine solche Austauschm\u00f6glichkeit im Rahmen der OERinfo-F\u00f6rderreihe erm\u00f6glicht. Solche und \u00e4hnliche Formate gilt es auch l\u00e4nder\u00fcbergreifend fortzuf\u00fchren.<\/div>\n<h4>Inklusivit\u00e4t<\/h4>\n<p>\u00c4hnlich wie in der Diskussion um den Zugang zu Bildungsmaterialien k\u00f6nnen und d\u00fcrfen OER bearbeitet werden, sodass sie an die Anspr\u00fcche aufgrund von geistigen oder k\u00f6rperlichen Einschr\u00e4nkungen sowie besonderen F\u00f6rderbedarfen angepasst werden k\u00f6nnen. Dabei handelt es sich nicht nur um eine serviceorientierte Leistung, sondern in vielen F\u00e4llen ist die digitale Barrierefreiheit verpflichtend vorgeschrieben, bspw. f\u00fcr Hochschulen in der <a href=\"http:\/\/data.europa.eu\/eli\/dir\/2016\/2102\/oj\">EU-Richtlinie 2016\/2102<\/a>. F\u00fcr viele Medientypen und Inhaltsarten sind Ma\u00dfnahmen zugunsten der Barrierefreiheit bekannt und etabliert (bspw. Untertitelung oder alternative Beschreibungstexte f\u00fcr Medien). Wo diese fehlen, d\u00fcrfen sie durch OER erg\u00e4nzt werden. Auch die \u00dcberf\u00fchrung in weitere Formate ist erlaubt.<\/p>\n<div style=\"background-color: #c1e1f4; padding: 10px; margin-bottom: 2em;\">Das BMBF sollte Ma\u00dfnahmen zur <strong>Sicherung der Barrierefreiheit<\/strong> von Bildungsmaterialien fordern und f\u00f6rdern. <strong>Technische Unterst\u00fctzungsma\u00dfnahmen<\/strong>, wie die Definition von Alternativtexten als Pflichtfeld, sollen wo immer m\u00f6glich in Bildungsinfrastrukturen umgesetzt werden. <strong>Weitere Hilfen<\/strong> wie Checklisten zur Barrierefreiheit sollten praxistauglich entwickelt und gut auffindbar bereitgestellt werden.<\/div>\n<h4>Lizenzfragen<\/h4>\n<p>Die Creative-Commons-Lizenzen haben sich f\u00fcr OER etabliert. Aufgrund ihrer starken Einschr\u00e4nkungen f\u00fcr bestimmte Nutzungsszenarien werden in der deutschen OER-Community die Lizenzbestandteile \u201enon-commercial (NC)\u201c und \u201eno derivates (ND)\u201c nicht zu den freien Lizenzen gez\u00e4hlt. Aus praktischen Gr\u00fcnden und vor allem zur Reduktion der Komplexit\u00e4t w\u00fcrde ich auch die Option \u201eshare-alike (SA)\u201c nicht vorrangig f\u00fcr Bildungsmaterialien einsetzen. So kann das Themengebiet der Lizenzen stark vereinfacht werden.<\/p>\n<div style=\"background-color: #c1e1f4; padding: 10px; margin-bottom: 2em;\">Das BMBF sollte die Lizenzen <strong>CC0 und CC BY<\/strong> in den jeweils aktuellsten Versionen zur Bedingung f\u00fcr solche Bildungsmaterialien erkl\u00e4ren, die aus \u00f6ffentlichen Mitteln finanziert werden und somit zum Standard machen. Das <strong>Prinzip \u201e\u00d6ffentliches Geld \u2013 \u00f6ffentliches Gut\u201c<\/strong> erweitert die unter Abschnitt 1 formulierte rechtliche und didaktische Notwendigkeit f\u00fcr OER um eine gesellschaftliche Perspektive.<\/div>\n<h4>Qualit\u00e4tssicherung<\/h4>\n<p>Bildungsmaterialien unter einer freien Lizenz k\u00f6nnen prinzipiell von jeder und jedem erstellt und bereitgestellt werden. Das ist zun\u00e4chst kein Problem, sondern ein Potential, das es auszusch\u00f6pfen gilt. Damit verbunden ist aber auch die Herausforderung, dass eine potentiell breite Vielzahl an Materialien mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten, medialen Umsetzungen und didaktischen Rahmenbedingungen bereitsteht. F\u00fcr die Auswahl der passenden Materialien helfen Qualit\u00e4tskriterien, nach denen diese Menge gefiltert werden kann. Die Qualit\u00e4tssicherung kann dabei nach zwei Ans\u00e4tzen erfolgen, die auch miteinander kombiniert werden k\u00f6nnen:<\/p>\n<ol>\n<li>w\u00e4hrend des Erstellungs- oder Kuratierungsprozesses und<\/li>\n<li>Community-basiert durch Nutzung und Bearbeitung.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Der erste Ansatz ist insb. aus der Arbeit von Lehrb\u00fcchern bekannt: fachliche Begutachtung, Lektorat, Textsatz, Rechtekl\u00e4rung f\u00fcr Abbildungen etc. werden hier optimalerweise von Fachpersonal \u00fcbernommen. Das ist auch f\u00fcr OER ein m\u00f6glicher Weg, denn die Ausgangsthese enth\u00e4lt an dieser Stelle einen Fehler: OER und klassische Verlagsprodukte sind keine Gegens\u00e4tze. Verlagsprodukte k\u00f6nnen offen lizenziert sein \u2013 etablierte Verlage wie bspw. wbv, Cornelsen, Waxmann oder Beltz haben hierzu bereits mehrere Beispiele geliefert. Somit sind f\u00fcr OER die gleichen etablierten Qualit\u00e4tssicherungsprozesse m\u00f6glich und werden insb. dann wichtig, wenn Materialien von Institutionen bereitgestellt oder kuratiert werden. Vor allem in formalen Bildungsbereichen ist meiner Meinung nach die Kuratierung von Bildungsmaterialien passend zu Lehrpl\u00e4nen oder anderweitig definierten Curricula wichtig, um eine \u00dcberforderung der Lehrenden und Lernenden aufgrund der Vielzahl an m\u00f6gliche Materialien zu vermeiden. Das Aufgabenfeld und damit der Markt f\u00fcr Verlage oder Agenturen f\u00fcr die Erstellung von OER wird dabei nicht beschnitten. Die Produktion, Anpassung und Aktualisierung von Bildungsmaterialien muss weiterhin angemessen verg\u00fctet werden. Bei der Vergabe von Auftr\u00e4gen sind stets freie Lizenzen f\u00fcr das Ergebnis zu vereinbaren.<\/p>\n<p>Die Erlaubnis zur Bearbeitung erm\u00f6glicht aber weitere Schritte zur Verbesserung oder Differenzierung von frei lizenzierten Bildungsmaterialien. Im Prozess k\u00f6nnen so Fehler behoben, Nutzungsbarrieren abgebaut, Medien- und Dateiformate passend \u00fcberf\u00fchrt, regionale Kontexte angepasst oder weitere \u00c4nderungen vorgenommen werden, die anf\u00e4nglich nicht optimal passende Materialien weiterentwickeln.<\/p>\n<div style=\"background-color: #c1e1f4; padding: 10px; margin-bottom: 2em;\">Das BMBF sollte einerseits die <strong>Qualit\u00e4tssicherung<\/strong> von Bildungsmaterialien bei deren Produktion und Kuratierung <strong>einfordern<\/strong>, aber auch <strong>die prozesshafte Verbesserung und Differenzierung unterst\u00fctzen<\/strong>. Beides sollte <strong>in Bildungsinfrastrukturen abgebildet<\/strong> werden k\u00f6nnen.<\/div>\n<h3>Fu\u00dfnoten<\/h3>\n<p><sup>1<\/sup>\u00a0Fadel, C., Bialik, M. &amp; Trilling, B. (2017). Die vier Dimensionen der Bildung: Was Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler im 21. Jahrhundert lernen m\u00fcssen. \u00dcbersetzt von J. Muu\u00df-Merholz, ZLL21, Hamburg.<\/p>\n<p><sup>2<\/sup> Hierbei werden stets Bildungsmaterialien im Kontext \u00f6ffentlicher Bildungseinrichtungen betrachtet, die aus \u00f6ffentlichen Mitteln finanziert wurden und werden. Bildungsmaterialien von und f\u00fcr Unternehmen sollen weiterhin der unternehmerischen Freiheit und wo n\u00f6tig auch den Gesch\u00e4ftsgeheimnissen unterliegen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p><sup>3<\/sup> Dieser Punkt bezieht sich insbesondere auf die letzte These, bei der OER klassischen Verlagsprodukten gegen\u00fcbergestellt wurden, obwohl dies keine Gegens\u00e4tze sind: Auch Verlage k\u00f6nnen Produzenten von OER sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/pxhere.com\/de\/photo\/1094841\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Beitragsbild<\/em><\/a><em> (<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/publicdomain\/zero\/1.0\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">CC0<\/a>)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Koalitionsvertrag hatte eine umfassende OER-Strategie versprochen. Nun n\u00e4hert sich die aktuelle Legislaturperiode dem Ende und es wird Zeit, dass sie kommt. Die Zeichen daf\u00fcr stehen gut, denn aktuell werden Stellungnahmen vom BMBF eingeholt, f\u00fcr die auch ich angefragt wurde&#8230;. <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/secret-cow-level.de\/wordpress\/2021\/02\/oer-strategie-meine-antwort\/\">Weiterlesen &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2832,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_crdt_document":"","_metis_text_type":"standard","_metis_text_length":19890,"_post_count":0,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[292,338,335,57,137,336,337],"class_list":["post-2822","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-learning-material","tag-access","tag-accessibility","tag-bmbf","tag-copyright","tag-oer","tag-oer-strategie","tag-strategy"],"public_identification_id":"a11a30f60dcc499190466164cbdfce65","private_identification_id":"8201e3dc52a94c6296b630c9eaff59e8","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/secret-cow-level.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2822","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/secret-cow-level.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/secret-cow-level.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/secret-cow-level.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/secret-cow-level.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2822"}],"version-history":[{"count":24,"href":"https:\/\/secret-cow-level.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2822\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3405,"href":"https:\/\/secret-cow-level.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2822\/revisions\/3405"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/secret-cow-level.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2832"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/secret-cow-level.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2822"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/secret-cow-level.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2822"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/secret-cow-level.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2822"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}