EduDada: Geht es noch ums Lernen und Lehren – oder um Kunst?

Dieser Artikel liegt schon eine ganze Weile als Entwurf auf meinem Blog, so richtig mochte und konnte ich ihn bisher nicht fertig schreiben. Die Beobachtungen zum Thema waren irgendwie zu verschieden, daher habe ich nun schließlich doch nicht versucht, sie künstlich zusammen zu bringen. Es ist auch eher ein Post, um ein paar Gedanken zu ordnen, als eine tatsächlich neue Aussage oder Erkenntnis zu verbreiten…

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Nachgezählt: EduCamp ohne Lehre?


Ich war im April beim EduCamp in Leipzig und habe gerade dank der Suchfunktion festgestellt: Bei den fast 47 Sessions am Samstag und Sonntag finden sich in den Titeln

  • nur 1mal ein Begriff mit „lehr“ (bei OER in der Lehrerbildung),
  • 1mal die Zeichenkette „lern“ (als Bestandteil von Lernvideos), und damit die Anglizismen nicht das Bild verfälschen
  • 1mal „teach“ (in Happy Teachers will change the world) und
  • 0mal „learn“.

Ganz klar wäre eine Schlussfolgerung falsch, es hätten sich weniger als 7% der Sessions beim EduCamp um das Lernen und Lehren gedreht, oder E-Learning würde dort niemanden interessieren: Es ging um Tools, verschiedene Lehr- und Lernformate wie MOOCs oder Science Slams, um Methoden wie Visualisierung oder Storytelling u.v.m., also um konkrete Szenarien, Technologien, Projekte, Methoden. Man könnte auch vorsichtig formulieren: Was kann man womit und wozu noch machen, wenn man Bildung nicht nur als „klassisch frontalen Unterricht“ versteht.

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Ach was: Mit YouTube kann sogar lernen!

Wenn Lehrende den Lehrstoff nicht ausreichend gut vermitteln, hilft das Netz und vor allem YouTube weiter. Ein Beispiel ist The Simple Club: allein der Mathematik-Kanal hat über 400.000 Abonnenten und mehr als 39.000.000 (das heißt Millionen) Aufrufe. Dort werden Mathematikgrundlagen sehr cool erklärt, sodass Lehrer sie auch im Unterricht einsetzen (laut Webseite) und die Macher mit dem TheSimpleClub+ Abo ein Geschäftsmodell draufsetzen konnten. Es gibt einen ganzen Haufen mehr dieser Channel, bspw. 100 Sekunden Physik, Sommers Weltliteratur to go oder Kurzgesagt, und auch wir packen unsere MOOC-Videos auf YouTube.

thesimplemaths-youtube
YouTube-Kanal The Simple Math

Erst jetzt im September gab es einen Blogbeitrag beim Hochschulforum Digitalisierung, in dem sehr praktisch erklärt wurde, wie man Lernvideos mit geringem Aufwand aufnimmt und bereitstellt (leider hört es da schon auf, Interaktivität mit Tools wie h5p oder das Formulieren einfacher Arbeitsaufträge werden nicht einmal angedeutet). Die Überschrift des letzten Absatzes lautet dabei „Schaffen Lehrende sich dadurch nicht selbst ab?“ und transportiert die Vorurteile der Frontaldozenten. Zwar wird gleich hinterher geschoben, dass die Angst unbegründet sei, aber im vorauseilenden Gehorsam hat man sie doch lieber mal aufgegriffen. Auch hier wird die veränderte Rolle der Lehrenden erläutert, die mit Lernvideos unterstützt werden kann.

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Und nun: Lernbegleiter statt Dozent!

Im Juni twittert Jürgen Handke:

Während die einen vielleicht mit den Schultern zucken, diskutieren die anderen, warum es Prof. Handke als sehr erfahrenen und als Ars-Legendi-Preisträger offenbar sehr guten Dozenten auf diese neue Bezeichnung so viel Wert legt: Er will mit neuen Begriffen neue Praktiken benennen, die eben nicht rein frontale Vorlesungen sind.

Die Rolle der Lehrenden ändert sich? Na und: hatten wir doch schon!

…u.a. in der Kunst. Hat schon einmal jemand Lehrende mit Künstlern verglichen? Bin ich die Erste? Gut zugegeben: Wie jede gute Idee ist auch diese geklaut (oder zumindest angelehnt). Im Aufwachen-Podcast (Folge A!107 – Kopf hoch, @janboehm, etwa ab Minute 33, genauer ab Minute 37) von Tilo Jung und Stefan Schulz mit Gast Jörg Wagner wird die Entwicklung der abstrakten Kunst folgendermaßen begründet: Die abstrakte Kunst ist deswegen entstanden, weil die aufkommende Fotografie ihre bisherige Aufgabe übernahm, einfach nur abzubilden. Maler hätten eine Sinnkrise gehabt und plötzlich entstand etwas völlig neues, was nur Menschen vollbringen können.

Im Podcast wird das ganze auf den Journalismus übertragen: die klassischen Reporter, die nur berichten, was vor Ort passiert, können zunehmend von Live-Tweets, Bürgerreportern oder Roboterjournalismus „abgelöst“ werden, weshalb neue Formate entstehen (in diesem Fall wurde Böhmermann als Verknüpfung von Journalismus und Satire diskutiert).

Dadaistische Lehre

… ist natürlich eine seltsame Vorstellung und ich glaube nicht, dass der Begriff mal für irgendetwas konkretes stehen wird – aber diese Bezeichnung gab es im ganzen Google-Internet noch nicht UND ICH habe sie jetzt reingeschrieben  😎

Natürlich bringt jede*r Lehrende mehr mit, als „das Handwerk“, Informationen zu präsentieren. Nicht umsonst reden wir von Bildung, was mehr als reine Informationspräsentation oder Wissensvermittlung umschreibt, auch mit dem Kompetenzbegriff allein kommt man noch nicht ran. Nicht umsonst ist der Bildungsbegriff nicht sehr konkret, sogar in der Wikipedia steht gleich in den ersten Zeilen, dass er komplex und schwierig zu deifinieren ist. Dennoch haben wir alle eine Vorstellung davon, was damit gemeint ist, eine Art Zusammenspiel aus Wissen, Kompetenzen, Werten und Haltungen, vielleicht noch etwas mehr.

The road ends….Uhh no it doesn’t by Nicholas Canup (CC BY)

Lehrende verhelfen zur Bildung, keine Frage. Der Teil davon, der lediglich Informationen vermittelt (der aber durchaus wichtig ist, denn diese sind oft notwendige Grundlage von Wissen, Kompetenzen, Werten und Haltungen), kann immer besser mit Medien unterstützt oder von ihnen übernommen werden. Umso mehr ist es wichtig, die Aufgaben von Lehrenden herauszustellen, die eben nicht nur Informationen vermitteln, sondern sich verstärkt um die anderen Aspekte der Bildung drehen. Und vielleicht liegt hierin auch die „Sinnkrise“, in die die „Bewahrer*innen“ frontaler Ansätze genauso gelangen, wie damals die Künstler, die „nur abmalen“ konnten. Frontal ist für alle einfacher. Aber sinnvoll ist es bei der Vielfalt alternativer Angebote zur Informationsvermittlung nur selten.

Lehrende sind zu wertvoll, um nur „Pauker“ zu sein.

 

Beitragsbild: Affection Expression von Marc-Anthony Macon (CC BY-SA 2.0)

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